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  • Arno Declair
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Sonntag 24.01.2016, 18:00 - 19:30 Uhr | Großes Haus Premiere

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Toshio Hosokawa

Stilles Meer

Einführung um 17:20 Uhr

Eine Anhöhe, der Blick weitet sich, das Meer. Claudia steht hier sehr oft, seit vor kurzem ihr Mann Takashi und ihr Sohn Max ums Leben kamen. Laternen auf dem Meer für die Seelen der Toten bedeuten: jeder hat im Tsunami jemanden verloren. Claudias früherer Freund und Vater ihres Sohnes beschwört sie: „Sieh doch die Wirklichkeit“. Doch ihre Wirklichkeit sind die Toten, die das Meer nicht hergegeben hat - die Evakuierung verhinderte die Suche. Ein Ritual soll Claudia die Seele ihres toten Kindes sehen lassen, denn sie kann ihn nicht freigeben. Doch das Bild zerrinnt in ihren Armen. „Lasst uns nach Hause gehen, ein jeder zu sich nach Hause“, sagt sie. Für Toshio Hosokawa spiegelt sich die Natur in hörbaren symbolischen Formen. So hat jeder Ton, jede Stille eine spirituelle Evidenz. Wie hier die Atomkatastrophe von Fukushima ist japanische Geschichte Anlass zu Kompositionen, so auch in „Voiceless voice in Hiroshima“.

Inszenierung: Oriza Hirata
Bühnenbild: Itaru Sugiyama
Kostüme: Aya Masakane
Licht: Daniel Levy
Dramaturgie: Janina Zell

Kompositionsauftrag von „Stilles Meer“, gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung und die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper. Produktionsunterstützung in Kooperation mit Tokyo University of the Arts.

[MEHR]
In der Uraufführung der Oper „Stilles Meer“ trifft die musikalische Philosophie des renommierten japanischen Komponisten Toshio Hosokawa (*1955) erstmals auf die theatrale Wirklichkeit seines Landsmannes Hirata Oriza (*1962), der das japanische Gegenwartstheater wie kein Zweiter geprägt hat, und nun als Librettist und Regisseur sein Debüt im Musiktheater gibt. Gemeinsam widmen sie sich einem Sujet, das auf einer künstlerischen Metaebene die sozialpsychologischen Folgen der japanischen Erdbebenkatastrophe von 2011 reflektiert und musikalisch wie szenisch den Raum zwischen Tönen und Schweigen ergründet.

Grundlage der Geschichte um Claudia, die sieben Jahre nach dem Reaktorunglück Fukushimas zwar den Tod ihres Mannes, nicht aber den ihres Sohnes akzeptieren kann, bildet das japanische Nô „Sumidagawa“ (Sumida-Fluss). In typisch stilisierter Weise verknüpft das Theaterstück aus dem 15. Jahrhundert Schauspiel, Tanz sowie Musik und erzählt von der Trennung zwischen Mutter und Kind. Auf der Suche nach ihrem verschollenen Kind begegnet die Mutter einem Fährmann, der sie nur übersetzen will, wenn sie wie närrisch tanzt. Am anderen Ufer erwartet die Frau schließlich ein Weidenbaum mit gespaltenem Stamm: das Grab ihres Kindes. Ein letztes Mal erscheint ihr sein Geist, der sich im Nichts auflöst.

In der Oper „Stilles Meer“ wird Claudia dazu angehalten, in das Nô einzustimmen, in der Hoffnung, sie werde ihre eigene Situation wiedererkennen, den Tod ihres Sohnes endlich akzeptieren und nach Deutschland zurückkehren. Claudia jedoch kann den Blick nicht vom Meer abwenden und erwidert auf die Aufforderung, sie müsse die Wirklichkeit akzeptieren: „Was für eine Wirklichkeit? Wir haben bis jetzt gekämpft mit einer Wirklichkeit, die wir nicht sehen können.“ Sie schildert die heftige Szenerie unmittelbar nach dem Tsunami und tritt ab mit den Worten: „Seht doch diese Wirklichkeit, die ihr nicht sehen könnt!“

Die Darstellung sinnlicher Wirklichkeiten bildet den Kern von Hiratas kontemplativer Theaterarbeit. Doch werden Objektivität und Wahrheit zugunsten einer vielfältig wahrnehmbaren Realität verworfen, die unseren Alltag aufgreift und die Unzulänglichkeit von Bewusstsein, die Beschränktheit sprachlicher Kommunikation und die Unbestimmtheit von Sinn widerspiegelt. Seinem Realismus liegt damit eine neue ästhetische Definition zugrunde. Charakteristisches Merkmal seiner Handschrift ist das Aufbrechen der traditionellen Einheit von Körper und Sprache, um einen gestalterischen Freiraum zu erlangen. Er distanziert sich damit vom klassischen Rollenbild ebenso wie von der Handlung des dramatischen Theaters und fordert im Gegenzug ein Theater, das sich der Darstellung von Zuständen widmet. In Hiratas Augen „gibt es keine absolute Wahrheit – und wenn es sie gäbe, dann könnte der Mensch sie nie erkennen.“

Die musiktheatralen Arbeiten Hosokawas sind für die Verschmelzung der abendländischen Musikgeschichte mit der traditionellen japanischen Musikkultur bekannt. Mit seiner ersten Oper „Visions of Lear“ (1998) gelang ihm bei der Münchener Biennale durch die Adaption eines Shakespeare-Stoffes in der Tradition des Nô-Theaters der Brückenschlag zwischen Ost und West. Auf seine Musiktheaterwerke „Hanjo“ (2004), das beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführt wurde, sowie „Matsukaze“ (2011) für eine Choreographie von Sasha Waltz folgt am 24. Januar 2016 die Uraufführung von „Stilles Meer“ an der Staatsoper Hamburg.


Information:

Ort: Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 7,00 EUR bis 176,00 EUR

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