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  • Klaus Lefebvre
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Samstag 01.10.2016, 19:30 - 22:40 Uhr | Großes Haus

Gioachino Rossini

La Cenerentola

„La Cenerentola“ ist Rossinis Version des „Aschenputtel“ und eine der schönsten Belcanto-Opern überhaupt. Das Libretto stammt aus der Feder von Jacopo Ferretti, der sich auf zwei Vorlagen von Charles-Guillaume Etienne und Francesco Fiorini stützte. Im Gegensatz zur Märchenfassung der Brüder Grimm ersetzt Ferretti das Symbol des Schuhs durch einen Armreifen. Rossinis Musik bietet viele überraschende Momente: Er setzt rasche Parlandi und virtuose Ensembles ein und verbindet auf gekonnte Weise die tragischen und komischen Elemente der Handlung.

Inszenierung: Renaud Doucet
Bühnenbild und Kostüme: André Barbe
Licht: Guy Simard

Premiere am 08.05.2011

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Unterstützt durch die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper

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„Nie zuvor hat Musik die Seele der Zuschauer so schnell und erfolgreich mit neuen und ungewöhnlichen Empfindungen überflutet“, befand der französische Schriftsteller Stendhal, Zeitgenosse und Bewunderer Gioachino Rossinis über die Musik zu „La Cenerentola“. Der italienische Komponist schrieb seine Werke vor dem Hintergrund bedeutender gesellschaftlicher Umbrüche in Europa. Seine Laufbahn verlief etwa zeitgleich mit dem Aufstieg und Fall Napoleons. Viele der Rossini-Opern werfen ein ironisches Schlaglicht auf die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse und transformieren sie in Musik mit all ihren spielerischen, aber oft auch mechanisch-maschinenhaft anmutenden Abläufen. Anzunehmen ist, dass die frühe Aufgabe der Komponistenlaufbahn eine Reaktion auf die lustfeindlichen Tendenzen des frühindustriellen Zeitalters war, meint der Musikautor Dietmar Holland. Noch kurz vor seinem Tod ließ ein resignierter Rossini verlauten: „Diese Kunst, die allein das Ideale und das Gefühl zur Grundlage hat, kann sich nicht dem Einfluss unserer Zeit entziehen. Das heutige Ideal besteht ausschließlich aus Umwälzungen, die sich auf Dampfmaschinen, Raub und Barrikaden erstrecken.“ Rossini nannte sich selbst „den letzten Sohn des 18. Jahrhunderts“, des Zeitalters der Aufklärung. In dieser von Aufbruchsstimmung beherrschten Zeitspanne entwickelte man gesellschaftliche Utopien, die oft im Gegensatz zu den absolutistischen Herrschaftsformen standen und die geprägt waren von der Hoffnung auf deren Erneuerung. Inhalt dieser Utopien war das Streben nach Vereinigung von Recht und Macht. Dieser Gedanke liegt zahlreichen philosophischen Schriften, Romanen, Dramen und Opern jener Zeit zu Grunde. Häufig sind sie nach den Mustern des Erziehungsromans geprägt, in dem ein Entwurf für die Erziehung eines Menschen beispielhaft beschrieben wird. Ein junger Mann, meistens ein Prinz, muss verschiedene Prüfungen durchleben, um sich zu bewähren. Er muss lernen, zwischen dem Guten und dem Schlechten zu unterscheiden, um schließlich ein würdiger Herrscher zu werden. In der Oper „La Cenerentola“ ist diese Figur Don Ramiro, geleitet durch seinen Regenten Alidoro, welcher dem Guten zum Sieg verhelfen wird. Die Handlung ist konzentriert auf das Motiv des Rollentausches zwischen Herr und Diener, und parallel dazu steht das geschmähte Aschenputtel, das sich über seine selbstgefällige Familie erhebt. Ein Herrscher erhält die Lehre, zwischen Sein und Schein unterscheiden zu können, ein unscheinbar wirkendes Mädchen wird zur Königin.

Das italienische „cenere“ bedeutet Asche. Cenerentola, das Kind aus der Asche heißt in der italienischen Überlieferung von Giambattista Basile „Aschenkatze“, bei Charles Perrault „Cendrillon“, bei den Brüdern Grimm „Aschenputtel“. Unter den unzähligen Bearbeitungen dieses Stoffes kann man drei Archetypen ausmachen, erklärt der Rossini-Experte Richard Osborne. Die bekannteste Variante des Märchens, zu der auch Charles Perraults „Cendrillon“ und Brüder Grimms „Aschenputtel“ zählen, ist jene mit grausamer Stiefmutter, hilfreichen Tieren, einer wundertätigen Fee als Patin sowie dem berühmten verlorenen Pantoffel. Bei der zweiten Variante gibt es statt einer Stiefmutter einen gewalttätigen Vater oder Stiefvater, der seine Lieblingstochter mit allerlei Prüfungen und Liebesproben quält. Die Personenkonstellation in Shakespeares Drama „König Lear“ beispielsweise könnte man diesem Archetypus zuordnen, der in psychologischer und erotischer Hinsicht wohl der komplexeste ist. Bei der dritten Variation des Archetypus wird aus dem brutalen Stiefvater ein heruntergekommener Landadeliger mit seinen beiden oberflächlichen Töchtern, deren Großspurigkeit im krassen Gegensatz zu ihren realen Möglichkeiten steht. Diese Variante, so Osborne, habe dem vernunftbestimmten Rossini am meisten
zugesagt: „Diese im Grunde rationalistische, satirische Version der Geschichte lässt sich sehr gut in das wohlbekannte Opera-buffa-Schema mit Liebenden, Komplizen und närrischen Wächtern einfügen, doch ist die Buffokomik hier durchsetzt mit Gefühl und Leidenschaft und einem gewissen Bodensatz an Grausamkeit, eine seltsame Mischung des Aristokratischen mit dem Bürgerlichen, des Weltmännischen und des Häuslichen.“ Ein Werk also, das die Vorbilder der Opera buffa mit den Traditionen der Commedia dell'arte, mit den Idealen der Aufklärung und den Bezügen zur Gesellschaft um 1815 verknüpft.

Die Uraufführung von „Il Barbiere di Siviglia“ war gerade mit mäßigem Erfolg über die Bühne gegangen, da erhielt Gioachino Rossini vom römischen Teatro Valle bereits den nächsten Kompositionsauftrag. Von einem Sujet gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine Spur, und die Librettisten jener Zeit standen regelmäßig vor der schwierigen Aufgabe, theaterwirksame Szenen mit den Kriterien der strengen kirchlichen Zensoren zu verbinden. Der Librettist Jacopo Ferretti erzählt in seinen 1852 erschienenen Memoiren über die
Entstehungsgeschichte: Etliche Sujets seien aus den unterschiedlichsten Gründen verworfen worden, bis für das gewünschte Melodramma die „Cinderella“-Geschichte vorgeschlagen worden sei. Da plötzlich sei der Funken vom Librettisten auf den Komponisten übergesprungen, und der Zensor habe keine Einwände mehr gehabt. Dann ging alles sehr rasch: In nur knapp vier Wochen brachten Ferretti und Rossini „La Cenerentola“ zu Papier. Obwohl Rossini schnell schrieb, darin vergleichbar mit vielen anderen Komponisten seiner Zeit, legte er große Sorgfalt auf die Wahl des Sujets. Die in ihm liegenden Entfaltungsmöglichkeiten mussten geeignet sein, seinen musikalischen und dramaturgischen Stil mit neuen Gestaltungsmitteln zu erweitern. Der Komponist erkannte im Aschenputtel-Märchen die ideale Möglichkeit, seine Vorstellungen von einer Oper bedacht auf Ausdrucksvielfalt und Charakterzeichnung verwirklichen zu können. Das bereits vorhandene Sujet gab die Verwendung aus der Tradition der Commedia dell'arte entnommenen Figuren vor, die praktischerweise den Bankrotteuren und Aufschneidern der Metternich-Ära ganz ähnlich waren. Klingen bereits in Perraults Märchen Bezüge zum Gesellschaftsleben seiner Zeit an, verstärken Rossini und Ferretti diese Tendenz. Ursprüngliche Vorlage war dem Librettisten Perraults Kunstmärchen „Cendrillon ou la petite pantoufle de verre“ aus dem 17. Jahrhundert, damals bekannt in ganz Europa. Jacopo Ferretti griff jedoch nicht direkt auf die Perrault'sche Fabel zurück, sondern auf Textbücher gleicher Thematik wie „Cendrillon“ von Charles Guillaume Etienne, vertont von Nicolo Isouard
(1810) oder auf Stefano Pavesis Cinderella-Oper „Agatina, o la Virtù premiata“ nach einem Text von Felice Romani, die 1814 an der Mailänder Scala uraufgeführt worden war, bei der ebenfalls die Perrault’sche Fabel als Vorlage diente. Bereits Pavesi verzichtete auf Zauberelemente, und auch die Figuren des weisen Alidoro und des sich als Herrn verkleidenden Dieners Dandini kommen schon in dieser Oper vor. Der berühmte Pantoffel jedoch wurde erst bei Rossini zu einem Armreif. Um sich noch mehr von den vorhandenen Bearbeitungen abzusetzen, nahm der Komponist eine Charakterumwandlung der Titelfigur vor, vom erduldenden Aschenputtel zur zielstrebigen und vernunftgeleiteten jungen Frau. Angelina erobert ihren Prinzen nicht durch immer schönere Kleider, sondern durch Hingabe und Güte. „Nirgends sonst“, schreibt Norbert Miller, „war der Komödiant Rossini so sehr in die Nähe eines musikalischen Charakterporträts geraten wie hier, und er nahm die Herausforderung an, eine gefühlvolle Liebesgeschichte um Aschenputtel zu komponieren“. Die Uraufführung von „La Cenerentola“ am 25. Januar 1817 fiel durch. „Welch ein Jahr der Misserfolge: Barbier von Sevilla, Otello, Cenerentola. Kann es einen unglücklicheren Komponisten geben?“, klagte der frustrierte Rossini. „Aber wartet nur, Dummköpfe! in einem Jahr wird man es in ganz Europa singen“. So kam es auch. Es folgten zwei Dutzend Aufführungen mit großem Erfolg, bevor „La Cenerentola“ seine Reise auf die europäischen Bühnen antrat.

Renaud Doucet und André Barbe sorgten mit ihren bildgewaltigen Arbeiten - zuletzt „Turandot“ an der Pittsburgh Opera - allerorts für Furore, und auch für ihr Hamburg-Debüt haben die beiden eine fantasievolle Szenerie
entwickelt: „Wir verlegen die Handlung von 'La Cenerentola' in eine Zukunft, wie sie sich die Menschen im dritten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts ersehnt haben. Die 30er-Jahre waren eine Krisenzeit, der jeder mit Hilfe seiner Träume zu entkommen suchte: Man stellte sich eine ideale, modernistische Welt im nächsten Jahrtausend vor, deren Bewohner wieder glücklich und unbeschwert sein würden“, erklären Renaud Doucet und André Barbe, „Filmstars wurden in den 30er-Jahren wie Götter verehrt. So gesehen wäre in dieser imaginierten Zukunft der Weg ins Reality-TV (zum Beispiel in einem Format wie 'The Bachelor') die beste Möglichkeit, eine Braut zu finden. Damit bekommen auch unbekannte Menschen wie Angelina die Chance auf schnellen Ruhm.“ Man kann, so glauben die beiden, die Wirtschaftskrise der 30er-Jahre mit der heutigen Finanzkrise vergleichen: „Sowohl die Situation damals als auch die aktuelle Weltlage hätten Don Magnificos Wunsch nach einem reichen und berühmten Schwiegersohn nachvollziehbar gemacht. Und schließlich gibt es eine verblüffende Parallele zwischen George Orwells Roman '1984' (Big brother is watching you) und Alidoros Arie im ersten Akt: 'Tutto sa, tutto vede e non lascia nell'ambascia perir la bontà'“*.
* Er weiß alles, er sieht alles und duldet nicht, dass das Gute durch Leiden stirbt.

| Annedore Cordes


Information:

Ort: Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 6,00 EUR bis 109,00 EUR

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