Left
  • Jörn Kipping
Right

Mittwoch 17.05.2017, 19.00 - 22.30 Uhr | Großes Haus

print

Georg Friedrich Händel

Almira

Einführung um 18:20 Uhr

Die junge Almira wird Königin und soll einen Nachkommen ihres Ratgebers Consalvo heiraten, so hat es jedenfalls ihr Vater in seinem Testament verfügt. Aber ihr Herz gehört schon ihrem Sekretär Fernando, den sie heimlich liebt. Plötzlich werben diverse Herren um die junge Königin, und es entspinnt sich ein turbulenter Liebesreigen.

Aus der Hamburger Zeit des jungen Händel ist nur eine einzige Oper überliefert: „Almira“, die er mit gerade einmal 19 Jahren schrieb. Eigentlich war Georg Friedrich Händel als Geiger im Orchester der „Gänsemarkt-Oper“ beschäftigt. Als aber dringend ein Komponist für das bereits bestellte Libretto gesucht wurde, vertraute die Theaterleitung dem jungen Musiker die Aufgabe an. Händel nutzt seine Chance. Die Premiere wurde ein Spektakel und vom bunt gemischten Publikum der Handelsmetropole bejubelt: Eine Ouvertüre im französischen Stil neben Arien und Rezitativen in deutscher und italienischer Sprache, zahlreiche Tänze, dazu eine üppige, manchmal exotische Orchesterbesetzung – und fertig war das damals typische Hamburger Stilgemisch!

Inszenierung: Jetske Mijnssen
Bühnenbild und Kostüme: Ben Baur
Licht: Mark van Denesse
Dramaturgie: Kerstin Schüssler-Bach

Premiere am 25.05.2014

Eine Pause

In deutscher und italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

[MEHR]
Ein junger Hitzkopf, der seine große Chance wittert – so muss man sich wohl die Wartezeit des blutjungen Georg Friedrich Händel im Orchesterdienst an der Hamburger Gänsemarkt-Oper vorstellen. Mit gerade einmal 18 Jahren war er vom heimatlichen Halle elbabwärts gezogen und wirkte hier an Deutschlands ältestem öffentlichen Opernhaus als Geiger und Cembalist. Die Hamburger Opernchefs Reinhard Keiser und Johann Mattheson wurden zwangsläufig auf den ehrgeizigen jungen Mann aufmerksam. Als Neunzehnjähriger hatte Händel bereits den ersten Opernauftrag in der Rocktasche: die Musik zum Königinnendrama „Almira“.
Eigentlich war Keiser selbst für die Vertonung des bereits gelieferten Librettos vorgesehen, doch andere Arbeiten hatten den Vorrang – und so gab er das Textbuch 1704 Händel. Ein Wagnis, so meinte Johann Mattheson rückblickend, denn der Teenager hatte bislang nur „sehr, sehr lange Arien ohne das rechte Geschicke oder den rechten Geschmack“ geschrieben. An der „Almira“- Aufgabe aber reifte er schnell: „durch die hohe Schule der Oper“, so Mattheson, wurde Händel „gantz anders zugestutzt“. Nachdem Chef und Lehrling ihre Rivalitäten schließlich in einem öffentlichen Duell auf dem Gänsemarkt ausgefochten hatten, versöhnte man sich rechtzeitig für die wenige Wochen später stattfindende „Almira“-Premiere. Und die wurde am 8. Januar 1705 tatsächlich ein riesiger Erfolg, der gutes Geld in die strapazierten Kassen der Hamburger Oper spülte. Mit ihren virtuosen Arien, ihren dramatischen Szenen und ihren vitalen Tänzen zeigt „Almira“ bereits die Pranke des späteren Löwen. Nur diese Oper wurde aus Händels Hamburger Zeit überliefert, die Partituren zu seinen übrigen drei Gänsemarkt-Opern sind nicht erhalten.
So ist es eine besondere Freude und Pflicht, sich an dieses barocke hanseatische Juwel zu erinnern. Die Staatsoper setzt mit „Almira“ ihre Pflege des Gänsemarkt- Repertoires fort, das zuletzt mit Telemanns „Flavius Bertaridus“ und Matthesons „Cleopatra“ viel überregionale Aufmerksamkeit gefunden hat. Auch diesmal steht wieder Alessandro De Marchi am Pult, der als Experte für Historische Aufführungspraxis mit Drive und Musizierlust sprühende Funken aus den alten Partituren schlägt. „Mit ›Almira‹ machen wir die Erfahrung einer noch ganz frischen Händel-Musik“, so der italienische Dirigent. Und wirklich überrascht der wilde Stilmix, den der Neunzehnjährige hier ausprobiert: französischer Orchesterstil, deutsche liedhafte und italienische virtuose Arien sowie vor allem eine springlebendige Ballettmusik. Wie in der Gänsemarkt-Oper üblich, wurden die Arien teils auf deutsch, teils auf italienisch gesungen, während die handlungsintensiven Rezitative ganz auf deutsch vor sich gehen. In Hamburg fand Händel hervorragende Sänger vor: Mattheson selbst sang die Partie des Fernando. „Und er komponierte sehr virtuose Arien für die beiden Sopranpartien, die damals in Hamburg mit besonders guten Sängerinnen besetzt waren“, erzählt Alessandro De Marchi. Kastraten waren dagegen in Hamburg verpönt, auch „Almira“ sieht sie nicht vor.
Gleich in der ersten Szene des Stücks werden Barock-Freunde aufhorchen: die Sarabande wird ihnen bekannt vorkommen. Kein Wunder –Händel recycelte sie später für einen seiner größten Hits, „Lascia ch’io pianga“ aus „Rinaldo“. Wir haben uns daher die Freiheit genommen, auch diese Arie in „Almira“ zu integrieren, denn mit ihrem seelenvollen Ton passt sie bestens zu den Herzensnöten der Titelfigur. Und diese wird gleich am Beginn zur Königin gekrönt. Damit ergeben sich neue Konstellationen am Hof: Plötzlich wird Almira von den Männern begehrt, die sich mit ihrer Zuneigung auch die Macht erschleichen wollen. Almira selbst empfindet heimlich mehr für ihren Sekretär Fernando, als es einer Regentin zusteht. Doch hat auch er es nicht nur auf die Krone abgesehen?
„Ein turbulentes Liebeskarussell entspinnt sich, das doch auch immer einen melancholischen Kern beinhaltet“, so Jetske Mijnssen. Die junge holländische Regisseurin stellt sich erstmals an der Dammtorstraße vor. Gemeinsam mit ihrem Ausstatter Ben Baur nimmt sie die seelischen Verwirrungen der Personen in den Fokus. „Jede Figur verliebt sich in den Falschen, aber der eigentliche Antrieb ist vor allem das gesellschaftliche Vorwärtskommen. Mit schamloser Direktheit sind alle auf ihren Machtvorteil bedacht – und das ist sehr zynisch, aber eben auch menschlich und manchmal auch sehr komisch“, sagt Jetske Mijnssen. „Liebe, Macht und Eifersucht „, das ist für sie der Dreiklang von „Almira“. Wobei das Regieteam den Konstellationen an Almiras Hof als zeitlosen Problemen nachspürt. „›Zeitlos‹ heißt für uns aber eben nicht, das Stück durchgehend in einer ungefähren Moderne anzusiedeln, sondern Almira wirklich durch vier verschiedene historische Zeiten zu schicken“, erzählt Jetske Mijnssen. Für diesen Liebesreigen durch die Jahrhunderte hat der Kostüm- und Bühnenbildner Ben Baur daher prachtvolle historische Kostüme entworfen, mit denen sich die sieben Figuren des Stücks durch die Intrigen bewegen. „Das Grundthema war für uns Almiras Eingemauertsein in ihrem Hofstaat. Almira wird von ihren Funktionären wie eine Marionette der Macht, wie eine ausstaffierte Puppe eingesetzt – aber sie spielt dieses Spiel nicht mit. Genau diesen Zwiespalt wollen wir durch die Zeiten verfolgen. Wobei wir immer die ›royale‹ Umgebung beibehalten –wir lassen die Geschichte also nicht in einem modernen Konzern spielen, sondern die Hierarchie eines Hofstaats wird sich von der Renaissance bis ins Heute durchziehen.“ Jetske Mijnssen und Ben Baur setzen dafür auf eine sinnliche theatrale Sprache: „Ich war schon von der Anprobe begeistert“, strahlt Jetske Mijnssen. „Ben hat wunderschöne Kostüme in aller Opulenz und Theatralität entworfen. Das wird ein Fest der Sinne! Zugleich bedient die Idee der wechselnden Kostüme ganz funktional den Kern, den ich aus der Geschichte herausschälen will.“
Und diese Geschichte ist eigentlich kaum zu erzählen: Almira will Fernando, Osman will Almira, Edilia will erst Osman, dann Raymondo, Raymondo will Almira, Bellante will Osman, Consalvo will Bellante … „Am Schluss bleiben sie dann alle bei irgendjemandem hängen, wie das so ist, wenn man sich auf dem Sprung ins Erwachsenwerden umschaut“, meint Jetske Mijnssen. „Es ist toll, dass wir eine so junge Besetzung haben, das macht diese fast pubertäre Liebessuche sehr glaubhaft.“ Die allerjüngste wird dabei die Sängerin des Tabarco sein – bei Händel eigentlich die gänsemarkttypische „Lustige Person“, der Hansnarr, der dem Volk aufs Maul schaut. „Wir legen den Tabarco etwas anders an: Es wird eine allegorische Figur, aufgespalten in drei Mädchen verschiedenen Alters – mal Spiegel Almiras, mal Tod, mal Amor: Traumfiguren, die das konkrete Spiel begleiten“, verrät Jetske Mijnssen. Alessandro De Marchi hat dieses Konzept ideal unterstützt: den kleinen, singenden Part des Tabarco übernimmt Sara-Maria Saalmann, die ihre ersten Schritte auf der Bühne als Darstellerin in der Opera piccola, der Kinderopernreihe der Hamburgischen Staatsoper, machte.
Zu den schönsten und musikalisch reichsten Momenten der „Almira“-Partitur gehören die Tänze. Händel versammelt sie in einer großen Szene im letzten Akt. Auch für diesen eigentlichen Festaufzug hat sich das Team etwas einfallen lassen, das den Prunkcharakter nicht unterläuft, ihn aber mit einer psychologischen Aussage aufwertet. „Wir hoffen, dass unser Publikum diese ›Almira‹ als opulente Aufführung genießen kann und trotzdem ein sinnhaftes Angebot bekommt, was diese Figuren mit unseren eigenen Sehnsüchten und Konflikten zu tun haben“, so die Regisseurin.
Die letzte szenische Aufführung von „Almira“ auf der Hamburger Opernbühne war übrigens vor fast genau 100 Jahren zu erleben: 1905, zum zweihundertsten Jahrestag der Uraufführung, erinnerte man sich in einer stark gekürzten Fassung aus eher musikhistorischem Interesse an Händels Opernerstling. Wie beruhigend, dass wir heute keine Jahrestage mehr brauchen, um diese barocken Meisterwerke wieder zum Klingen zu bringen.

| Kerstin Schüssler-Bach


Information:

Ort: Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 5,00 EUR bis 87,00 EUR

Unsere Empfehlungen

Il Ritorno d'Ulisse in Patria

Sonntag 29. Okt. 2017
18.00 Uhr

Mehr

Miriways

Freitag 29. Jun. 2018
20.00 Uhr

Mehr
top