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  • 2015 Bernd Uhlig
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Dienstag 02.10.2018, 19.30 - 22.15 Uhr | Großes Haus

Erich Wolfgang Korngold

Die tote Stadt

Einführung um 18.50 Uhr

Eingesponnen in die Vergangenheit verweigert sich der Witwer Paul dem Leben. Seine innere Leere lässt keine Empfindungen zu. Erst die offene Konfrontation mit seinem Trauma bringt Pauls verschüttete Sehnsüchte zum Ausbruch. Sonderbare Vorgänge verwischen die Konturen zwischen Sein und Schein. Paul beginnt wieder zu lieben - aber wen?

Soghaft ist auch die Musik, die Erich Wolfgang Korngold für sein zwischen Wahn und Wirklichkeit taumelndes Nachtstück gefunden hat: Mit einem riesenhaften Orchesterapparat entfesselt er einen wahren Klangrausch. Der überbordende Melodienreichtum, die spektakuläre Instrumentation der Partitur rissen denn 1920 auch schon das Publikum der gleichzeitigen Uraufführungen in Köln und Hamburg mit. „Die tote Stadt“ führte den erst 23 Jahre alten Komponisten zu Weltruhm - den er als Filmmusikkomponist ausbauen sollte: Ab 1934 wirkte Korngold als Pionier des noch jungen Genres in Hollywood und erhielt für seine Scores zwei Oscars.

Inszenierung: Karoline Gruber
Bühnenbild: Roy Spahn
Kostüme: Mechthild Seipel
Licht: Hans Toelstede
Dramaturgie: Kerstin Schüssler-Bach

Premiere am: 22.03.2015

Eine Pause von ca. 25 Minuten nach dem zweiten Bild

Unterstützt durch die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper


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Hamburg, 4. Dezember 1920: „Uraufführung! Der Komponist anwesend! Brechend volles Haus! Die Spitzen der Gesellschaft natürlich auch da, auch alles, was musikalisch einen Namen trägt!“ Die internationale Presse ist ebenfalls präsent und trägt einen Triumph in die Welt hinaus: „Die tote Stadt“, das dritte Bühnenwerk des erst 23-jährigen Komponisten Erich Wolfgang Korngold, erntet „bombastischen Erfolg“, „Wogen des Beifalls“, „enthusiastische Ehrungen“: „Unzählige Male erschienen Korngold und die Mitwirkenden an der Rampe“, melden die Kritiker. Schon zur Pause wird der junge Komponist vom Hamburger Publikum hervorgerufen.
Am selben Tag, an dem das Hamburger Stadt-Theater Premiere feiert, hebt sich für „Die tote Stadt“ auch in Köln der Vorhang; Otto Klemperer steht am Pult. Eine Doppel-Uraufführung – das hat es in der Theatergeschichte noch selten gegeben. Korngold ist der Mann des Tages: Kurz hintereinander bringen auch Wien, New York, Prag und Zürich „Die tote Stadt“ heraus. Das Publikum reißt sich um die Sitzplätze: allein in der ersten Hamburger Saison steht das Werk 26mal auf dem Spielplan. Das einstige Wunderkind, Sohn des gefürchteten Wiener Musikkritikers Julius Korngold, scheint die hochgespannten Erwartungen noch zu übertreffen: „ein blutvoll lebendiger, unerhört reicher Erfinder, schon als Kind durch die inspirierte Fülle des Einfalls überwältigend, jetzt als Jüngling aufs Schönste gereift“, schreibt etwa der Großkritiker Richard Specht. Das höchste Lob aber kommt von keinem Geringeren als Giacomo Puccini: Korngold sei „die stärkste Hoffnung der neuen deutschen Musik“.
Was machte diesen Sensationserfolg der „Toten Stadt“ aus? Wohl die glückliche Kombination von psychologisch raffinierter Handlung, Freud’scher Traumsymbolik und einer Musik, die vor Sinnlichkeit vibriert und in goldenen Farben schillert. Schon damals erregte diese Überfülle der Reize auch Kritik aus verschiedenen Lagern. Der puritanisch gestrenge Schönberg-Adept Adorno sprach Korngolds Musik bereits 1932 das „Existenzrecht“ ab. Und als Jude stand Korngold bald auf dem Index der Nazis. Bereits seit 1934 arbeitete er für Max Reinhardt in Hollywood, nach dem „Anschluss“ kehrte er nicht nach Österreich zurück. Anders als vielen anderen Emigranten gelang Korngold eine zweite, glänzende Karriere als Filmmusikkomponist mit Streifen wie „Robin Hood“ oder „Der Herr der sieben Meere“. Seine Opern gerieten jedoch in Vergessenheit – und auch in Hamburg, der Stätte seines einstigen Triumphs, war „Die tote Stadt“ für Jahrzehnte nicht mehr zu erleben. Erst seit neuerer Zeit zeichnet sich die dauerhafte Renaissance ab.
Für Simone Young war es eine Herzensangelegenheit, „Die tote Stadt“ nach Hamburg zurückzubringen: „Das Stück ist ein echtes Kind der Zwanzigerjahre: voller Exotik und Erotik. Ich habe vor langer Zeit zuerst das Pierrot-Lied daraus kennengelernt. Das hat mich neugierig gemacht: Wie ist eine Oper beschaffen, die einen solch melodiösen, fast musicalhaften Ohrwurm zulässt? Ich war überrascht, eine so raffinierte, komplexe, aber auch höchst anziehende Partitur zu öffnen. Wenn man die großen Korngold-Filmmusiken kennt, findet man Vieles hier schon vorgeprägt, nur stringenter und strukturierter.“
Vorlage für „Die tote Stadt“ war das gleichnamige Drama von Georges Rodenbach, das der belgische Symbolist zuerst als Novelle ausformuliert hatte. Korngold fühlte sich nach eigenem Bekunden vom „traumhaftphantastischen Charakter der Handlung“ angezogen und richtete sie gemeinsam mit seinem Vater als Libretto ein. Der Witwer Paul verweigert sich dem Leben und schottet sich in der Trauer um seine verstorbene Frau Marie vollkommen ab. Nur Brigitta und Frank sind seine Verbindung zur Außenwelt. Erst die offene Konfrontation mit seinem Trauma bringt Pauls verschüttete Sehnsüchte wieder zum Ausbruch. Sonderbare Vorgänge verwischen die Grenze zwischen Schein und Sein. Paul beginnt wieder zu lieben – aber wen?
Die tiefenpsychologisch ausgeleuchtete Handlung um unbewältigte Trauerarbeit und Identitätskonflikte bietet für Regisseure zweifelsohne ein reiches Experimentierfeld. Erarbeitet wird die Hamburger Neuinszenierung nun von demselben Team, das bereits 2012 mit Aribert Reimanns Shakespeare-Oper „Lear“ einen fulminanten Erfolg verbuchen konnte: Regisseurin Karoline Gruber, Kostümbildnerin Mechthild Seipel und Bühnenbildner Roy Spahn. „Wir sind zunächst einmal von Pauls innerer Leere der Empfindung ausgegangen“, sagt Karoline Gruber. „Paul hat sich in einen Fetisch eingesponnen: Das ist das leuchtende Haar der verstorbenen Marie. Wie eine Monstranz wird es von ihm gehütet und geheiligt. Gegen diese tote Materie hat es alles Lebendige schwer.“
Die erstickende Morbidität der „Toten Stadt“ hatte in Rodenbachs Text ein ganz konkretes Vorbild: das flämische Brügge. „Brügge war einst eine wohlhabende Hafenstadt, aber im 15. Jahrhundert versandete der Flußarm zum Meer“, erzählt Bühnenbildner Roy Spahn. „Die Stadt verfiel damit als Monument ihrer selbst, erstarrte in einem Dämmerzustand, abgeschnitten von der Vitalität des lebensspendenden Meeres. Rodenbachs Symbolismus deutet diesen Zustand als Metapher für Pauls Trauer, und es hat auch unsere Bilderwelt angeregt.“
Mit der Gestalt der Marietta bricht das Leben in Pauls Lähmung ein. Er lässt sein Begehren zu, identifiziert Marietta mit der toten Marie – und bringt sie schließlich um. Anders als in Rodenbachs Vorlage ist dieser Mord in Korngolds Oper allerdings als bloßer Traum erkenntlich. Diese entscheidende Umdeutung Korngolds gönnt dem Helden eine Katharsis: Paul befreit sich von seinen Obsessionen durch einen zweiten Schock.
„Korngolds kluge Wendung ist natürlich die reinste Psychoanalyse“, meint Karoline Gruber. „Damit eröffnet
er aber auch die Möglichkeit, die alptraumhafte Szenerie zuzuspitzen. Ich finde es spannend, dass die Figurenkonstellation noch sehr viel weiterreichende Irritationen zulässt.“
Korngolds Partitur gipfelt in der überwältigenden Klangorgie einer Prozession. „Das ist der Punkt, wo über Paul alles zusammenschlägt“, so Karoline Gruber: „Schuld, Angst, Moral, diese bigotten Richter über seine wiedererwachte Lebenslust, sie lesen ihm eine schwarze Messe. Unglaublich, wie Korngolds blendend-pompöse Musik hier zugleich auch von Pauls erdrückenden Seelenqualen spricht! Das Stück birgt eine Fülle von surrealen Situationen, die wir mit phantastischen Chiffren wirklich auskosten wollen. Es ist eben kein Verismo, sondern ein echter Psychothriller.“
An den „lieben, sehr verehrten Herrn Kapellmeister“ Egon Pollak schrieb Korngold im Oktober 1920: „Was macht denn die ›Tote Stadt‹ in Hamburg? Alle sagen, dass es so rasend schwer sei; ich finde es ja höchst einfach ›lauter schöne Musik‹“. Mit beidem hatte er recht. „Rasend schwer“ ist die Partitur tatsächlich, bestätigt Simone Young, mit komplexen Leitmotiven und hochvirtuos geführten Streicherpassagen: „Wie viele Werke aus dieser Zeit schwelgt ›Die tote Stadt‹ im luxuriösen Orchesterklang, weswegen die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben viel Probenarbeit erfordert.“
Aber „lauter schöne Musik“ ist „Die tote Stadt“ natürlich auch. Immer schon hatten sich zwei Melodien in den Wunschkonzerten gehalten: Das Lied des Pierrot „Mein Sehnen, mein Wähnen“ und das Lautenlied der Marietta „Glück, das mir verblieb“. „Diese beiden Stücke sind herrliche Gesangsnummern voller zärtlicher Wehmut. Ich freue mich schon darauf, sie mit unserem wunderbaren Ensemblebariton Lauri Vasar und der ideal passenden jugendlich-dramatischen Stimme von Meagan Miller zu hören!“, so Simone Young.
Und der Paul? Diese Partie hat es in sich: dramatische Wucht und operettiger Schmelz, dazu eine darstellerische Tour de force. Publikumsliebling Klaus Florian Vogt wird sich dieser Herausforderung stellen. Und so sind die Voraussetzungen gut, dass Korngolds Werk das Hamburger Publikum ähnlich betört wie vor 95 Jahren.
| Kerstin Schüssler-Bach

Ort: Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 6,00 EUR bis 109,00 EUR

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