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Dienstag 24.09.2019, 19.30 - 21.30 Uhr | Großes Haus

Leós Janácek

Katja Kabanova

Einführung um 18.50 Uhr

Eine Kleinstadt an der Wolga wird für Katja Kabanova zum Gefängnis: Hier lebt sie in einer Welt voller Abhängigkeiten und unerfüllter Sehnsüchte. Unerträglich ist die Tyrannei der Schwiegermutter, unerträglich die Angst vor den Konsequenzen einer Trennung von ihrem Ehemann. Doch Boris, den sie heimlich liebt, ist seinerseits nicht frei in seinen Entscheidungen. Als Ehebrecherin von allen verschrien, geht sie aus Verzweiflung in den Fluss.

Mit Katja hat der tschechische Komponist Leos Janácek nach seinem Welterfolg »Jenufa« eine weitere, vielschichtige Frauengestalt in das Zentrum seiner 1921 in Brünn uraufgeführten Oper gestellt. Ihren inneren Kämpfen hat er in einer mal lyrischen, mal herb-dunklen Tonsprache musikalischen Ausdruck verliehen - und dabei starken persönlichen Anteil an ihrer Geschichte genommen: Seit 1917 und bis zu seinem Tod war der verheiratete Komponist in die fast vierzig Jahre jüngere Kamila Stösslová verliebt; eine Liebe, die nur in etwa 700 Briefen stattfinden durfte.

Inszenierung: Willy Decker
Bühnenbild und Kostüme: Wolfgang Gussmann
Mitarbeit Bühnenbild: Stefan Heinrichs

Premiere am: 07.04.2002

Keine Pause

In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

[MEHR]
„Und es war im Sommersonnenschein. Der Bergeshang durchwärmt, die bis zur Ohnmacht erschöpften Blüten neigten sich bis zur Erde. In diesem Augenblick gingen mir die ersten Gedanken über die unglückliche Katja Kabanova - ihre große Liebe - durch den Kopf.
Sie ruft die Blumen, lockt die Vögel - die Blumen, um sich zu ihnen zu neigen, die Vögel, um ihnen das letzte Lied der Liebe zu singen. 'Freund' - sage ich zu Prof. Knop: 'Ich kenne eine fabelhafte Frau, wie ein Wunder habe ich sie stets im Sinn. Meine Katja wächst in ihr, in ihr, Frau Kamila! Das Werk wird die allerzarteste meiner Arbeiten sein.' Und es geschah. Ich habe keine größere Liebe kennengelernt, als die zu ihr. Ihr weihe ich das Werk. Blüten, neigt euch über sie, Vögel, verstummt nicht im Gesang der ewigen Liebe.“ (Leos Janácek an Kamila Stösslova)

Janácek war sechsundsechzig Jahre alt, als er 1920 mit der Komposition der Oper „Katja Kabanova“ begann. Seit dem Jahre 1917 verband ihn eine Freundschaft mit der verheirateten Kaufmannsfrau Kamila Stösslova, eine Freundschaft, die sich bei ihm allmählich zu einer tiefen Leidenschaft entwickelte. Sie war achtunddreißig Jahre jünger als der Komponist. Wie sehr diese Zuneigung seine letzten elf Lebensjahre erfüllte, verraten Werke und Briefe dieser Zeit. Die (platonisch gebliebene) Liebe zu Kamila beherrschte sein Inneres und beflügelte seine Kreativität. Etliche Schreiben bestätigen, dass er sie mit Katja Kabanova identifizierte. „Ich musste eine große maßlose Liebe bei der Komposition kennen lernen […], und Ihr Bild legte ich immer auf ›Katja Kabanova‹, wenn ich sie komponierte“, bekannte der Komponist 1922 seiner Muse. Freund und Mitarbeiter Max Brod vermerkte später, diese Oper sei „mit Jünglingskraft wie in einem einzigen Zug hingerast.“ Noch eine weitere Liebe beeinflusste sein künstlerisches Schaffen: Janáceks tiefe Verbundenheit mit der russischen Welt. Das Motiv von Schuld und Sühne, emotional verstärkt und ins Schicksalhafte gesteigert, öffentliche Selbstanklage und schließlich Einsicht und Verklärung des Sündigen – all das hat Janácek oft in den Kreis der russischen Literatur gelockt. Die Opernentwürfe über Tolstois Werke „Anna Karenina“ und „Der lebende Leichnam“ sowie die Opern „Katja Kabanova“ und „Aus einem Totenhaus“ weisen darauf hin.

Auf der Suche nach einem geeigneten Opernstoff war der Komponist auf das Drama „Gewitter“ des russischen Autors Alexander Ostrowsky gestoßen. Dieser hatte im Auftrag des Zaren einen Lebensbericht über die russischen Provinzen verfasst, welcher ihn zu diesem realistischen Theaterstück inspirierte, in dessen Haupthandlung die klaustrophobische Atmosphäre eines Familienlebens in der Kleinstadt Kalinov erzählt wird. „Gewitter“ war eines der ersten bürgerlichen Trauerspiele der russischen Literatur und zählt bis heute zu ihren populärsten. Anliegen des Stückes ist die Schilderung des Zustandes der russischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der bestimmt war von dem im Zarenreich fortschreitenden Kapitalismus, was eine sich vertiefende soziale Kluft zwischen Arm und Reich mit sich brachte. Auch die Funktion der Kirche wird in diesem Stück neu beleuchtet, sie ist nicht mehr länger eine Kirche der Armen und Bedürftigen, sondern sie predigt die Unterordnung und verfährt inflationär mit dem Begriff der Sünde. Den Schwerpunkt des Werkes bildet jedoch die individuelle Tragödie einer jungen Frau.
Die junge Katja ist mit dem charakterschwachen Kaufmann Tichon verheiratet und lebt unter dem Regiment ihrer despotischen Schwiegermutter Kabanicha. Der Ehemann ist zu hilflos, um sie vor der im Hause herrschenden Brutalität zu schützen. In Boris Grigorjewitsch, der ähnlich wie Katja unter den Launen seines brutalen und ewig betrunkenen Onkels Dikoj zu leiden hat, glaubt sie die große Liebe gefunden zu haben. Um der Zwangssituation aus bigotter Religiosität und erstarrter Tradition zu entkommen, lässt sie sich auf eine Affäre mit ihm ein. Als ein schweres Gewitter aufzieht, das sie als Zeichen des erzürnten Himmels deutet, treiben sie ihre Gewissensbisse dazu, ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter den Ehebruch zu gestehen. Katja stürzt während des Unwetters ins Freie. Sie trifft sich ein letztes Mal mit Boris. Wenig später birgt man ihren leblosen Körper aus der Wolga.

„Die Hauptfigur ist eine Frau von so sanftem Gemüt, dass eine leichte Brise sie schon davon wehen würde, geschweige denn der Sturm und das Gewitter, das über sie hereinbricht.“ (Janácek). Das Gewitter, das Katjas Schuldgefühle ausbrechen lässt, ist als Spiegel ihres Innern zu deuten, und gerade die seelischen Vorgänge waren es, die den Komponisten an Ostrowskys Werk faszinierten. Janácek reizte besonders der Gefühlskonflikt, in den sich die junge Ehefrau bei dem Versuch verstrickt, jenseits der gesellschaftlichen Normen ihren Empfindungen nachzugehen.

Der Komponist schrieb das Libretto selbst. Er kürzte das Drama Ostrowskys drastisch, verwendete aber seinen Prosatext, in der tschechischen Übersetzung von Vincenc Cervinka, auf weite Strecken wörtlich. Dabei arbeitete er die Lebenstragödie der jungen Ehefrau konsequent heraus. Er reduzierte gesellschaftskritische und zeitgeschichtliche Bezüge, die bei Ostrowsky die Hintergründe von Katjas Situation beleuchten und ihr Handeln verständlich machen. Während es bei Ostrowsky um ein ganzes Spektrum von menschlichen Abhängigkeiten ging, interessierte sich Janácek im Wesentlichen für das Individualschicksal seiner Hauptfigur Katja, die die Unvereinbarkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht mehr aushält und den Freitod sucht. Als einzige in dem Stück macht sie eine psychologische Entwicklung durch, während ihre Schwiegermutter in ihrer Starrheit und Härte befangen bleibt, versteckt hinter einer Fassade aus Konventionszwängen und Bigotterie. Max Brod vermerkte über die Figur der Kabanicha: „In ihr ist der Zarengedanke unbedingter Herrschaft, unbedingten Gehorsams verkörpert und in die Sphäre der Familie projiziert, wo er noch quälender wirkt als in breiter Staatsöffentlichkeit.“ Die Männer, Katjas Ehemann Tichon ebenso wie ihr Geliebter Boris, präsentieren sich willensschwach und ohne Entwicklungsprofil.

Der Tod ist für Katja eine Rückkehr zur Natur: Ihre letzten Worte, als sie den Entschluss zu sterben gefällt hat, sind: „Um das Grab werden Vögel flattern, mit ihren Jungen, auch Blumen blühn mir da, purpurrote, hellblaue, goldgelbe. So schön ist’s, so ruhig, so schön ist’s! Und doch heißt’s sterben!“ In „Katja Kabanova“, wie auch in seinen anderen späten Werken sei Janáceks Menschenbild deutlich herausgebildet, schreibt Meinhard Saremba, Autor der neuesten Janácek-Biografie: „Im Vordergrund stehen Freiheit und Unabhängigkeit als wertvollstes Gut: Naturbilder spielen nicht nur in Katjas Träumen eine wichtige Rolle, sie werden in den folgenden Opern zum Symbol eines naturgegebenen Anspruchs auf die Verwirklichung der eigenen Individualität.“

In nur fünfzehn Monaten schuf Janácek aus dem fünfaktigen Schauspiel eine dreiaktige Oper. Dabei schaffte er es überzeugend, Spannungsbögen und eine dramaturgisch sinnvolle Zeitabfolge zu erhalten. Den realistischen und prägnanten Sprachstil des Dramas behielt er bei. Es gelang ihm außerdem, die dramatische Wirkung durch gezielten Einsatz von Stille und Wortlosigkeit zu steigern. Die musikalische Sprache wirkt konzentriert und aus einem Guss. Die Charaktere sind melodisch scharf konturiert, Erinnerungsmotive verleihen dem Geschehen Transparenz und Logik. Bei seinen musikalischen Porträts ging er, wie in allen seinen Opern, von der Sprache aus. Die Figuren entstehen aus ihrer Intonation, aus dem individuellen Tonfall des Gesprochenen. Janácek selbst äußerte sich in einem Aufsatz: „Die Kunst des dramatischen Schreibens besteht in der Komposition meiner melodischen Kurve, die plötzlich wie Zauberei ein menschliches Wesen in einer fest umrissenen Phase seiner Existenz enthüllt.“ Das Gespür für die kleinsten Nuancen im menschlichen Dialog ist eine der überragenden Leistungen des Janácek’schen Opernschaffens. Dem sinfonisch klingenden Orchester hat er dagegen eher die Rolle der Außenwelt, die auf das Individuum einwirkt, zugeschrieben. Am 23. November 1921 fand die Uraufführung von „Katja Kabanova“ im Brünner Theater unter dem Dirigenten Frantisek Neumann statt. Sie wurde ein großer Erfolg. Max Brod berichtete von „einem jubelnden, von Akt zu Akt sich unbestritten steigernden Beifall“. Das Publikum „rief Autor wie Darsteller unzählige Male auf die Bühne“. Ein Jahr später wurde die Oper in Prag gespielt, und in Deutschland fand wenig später eine erste Aufführung unter dem Dirigenten Otto Klemperer in Köln statt. Weltweit durchgesetzt hat sich das Werk allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg.


MENSCHEN KÖNNEN NICHT FLIEGEN
Willy Decker über seine Inszenierung

Ich glaube, die zentrale Frage der Oper „Katja Kabanova“ ist die Frage nach der Möglichkeit oder Notwendigkeit der Freiheit des Menschen. Exemplarisch macht sich diese Frage an Katja fest und an der Rolle der Frau in einer konservativen und regressiven Gesellschaft. Es wird gezeigt, wie verheerend die Folgen für jene sind, die unterdrückt werden. Katjas Seele – eine große Seele mit großem Potenzial und einer überdimensionalen Sehnsucht nach Freiheit – wird in dieser Enge und in dieser bedrückenden Atmosphäre zerstört. Janácek selbst hat gesagt, unser Leben sei hektisch und voller Sehnsucht. Diese Hektik spürt man in seiner Oper: ein dichtes, unter Spannung, fast wie unter Zeitdruck stehendes Stück – bis in die kleinsten musikalischen Phrasen hinein. Die Musik bewegt sich zwischen zwei Extremen: zwischen einer angespannten, rastlosen Musik einerseits und großen melodischen Bögen andererseits. Der weite Atem aber ist nur Katja vorbehalten, und auch da immer nur kurz.

Unsere Bildidee geht von zwei Aspekten aus: Zunächst haben wir einen stark reduzierten Raum, in dem nichts von den Charakteren und von den Begegnungen der Figuren untereinander ablenkt. In den Größenordnungen ist das Verhältnis zwischen Raum und Darsteller ein wenig verschoben, so dass der Darsteller etwas zu groß wirkt und der Raum auf ihm lastet. Diesem Raum liegt sodann die Vorstellung eines Käfigs zugrunde. Es ist eigentlich Katjas Raum. Sie lebt hier gezwungenermaßen, wie eingesperrt. Ihrer Verzweiflung darüber und ihrer Sehnsucht entspricht die Dynamik des Raumes. Ihr bleibt allein der Traum von Freiheit. Immer redet sie vom Fliegen, von ihrer Traurigkeit darüber, dass Menschen nicht fliegen können. Das ist der Ausdruck ihrer Sehnsucht, von hier weg zu kommen; das Bild dafür ist in Katjas Zeit der Vogel. Natürlich können Menschen nicht fliegen. Deshalb ist Katjas Blick immer nach oben gerichtet, ein trauriger, hoffnungsloser Blick. Sie weiß, sie kann nicht wegfliegen.

Janácek spiegelt sich in Katja, er identifiziert sich mit ihr. Auch er möchte aus einer vorgegebenen Situation heraus, empfindet sich als eingesperrt. Er sieht sich vor der Problematik, alt zu sein und eine junge Frau zu lieben, und zwar ohne Hoffnung. Denn Kamila Stösslova hat ihn sehr geachtet, später auch gemocht, aber geliebt hat sie ihn nicht. Er wusste immer, dass das eine Sehnsucht ist, ohne Hoffnung. Das entspricht Katjas Seelenlage. Aber Janácek identifiziert sich auch mit den Männern des Stückes, die alle schwach sind und die – wie er – aus ihrer Situation nicht herauskommen.

Willy Decker

Ort: Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 5,00 EUR bis 87,00 EUR

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